Recruiting in Indien: Chancen, rechtliche Rahmenbedingungen und kulturelle Erfolgsfaktoren

Am 9. Juni 2026 lud die IHK Düsseldorf zum „Recruiting Day India“ ein. Im Fokus standen die Gewinnung von Fachkräften und Auszubildenden aus Indien sowie die rechtlichen, kulturellen und praktischen Besonderheiten im Recruiting-Prozess.

 

Dr. Jörg Podehl, Partner und Fachanwalt für Arbeitsrecht bei Hoffmann Liebs, gab einen Überblick über zentrale Rahmenbedingungen und typische Fallstricke bei der Rekrutierung indischer Fachkräfte.

Internationale Fachkräfte mobilisieren: Das deutsch-indische Abkommen

 

Eine wichtige Grundlage für die Zusammenarbeit bildet das deutsch-indische Abkommen über eine umfassende Migrations- und Mobilitätspartnerschaft aus dem Jahr 2023. Ziel ist die Förderung einer fairen und rechtskonformen Mobilität von Fachkräften zwischen beiden Ländern.

 

In der Praxis erfolgt die Rekrutierung häufig über ein zweistufiges Modell:

  • Eine deutsche Vermittlungsagentur steht im direkten Kontakt zum deutschen Arbeitgeber
  • Eine indische Partnerorganisation unterstützt vor Ort, etwa bei Auswahl, Vorbereitung oder Sprachtraining
  • Die Fachkräfte selbst beantragen Visum und Arbeitserlaubnis bei der deutschen Botschaft

 

Dieses Modell ermöglicht effiziente Prozesse, erfordert aber eine klare rechtliche Abgrenzung der beteiligten Rollen.

 

Achtung Regulierung: Registrierungspflichten nach indischem Recht

 

Ein zentraler Aspekt ist das indische Auswanderungsgesetz („Emigration Act“).

 

Ob eine Registrierung als Recruiting Agent erforderlich ist, hängt maßgeblich vom Tätigkeitsumfang ab:

  • Keine Registrierung erforderlich, wenn sich die Tätigkeit auf allgemeine Berufsberatung oder Sprachunterricht beschränkt
  • Registrierungspflicht möglich, wenn konkrete Recruiting-Leistungen erbracht werden, etwa:
    • Identifikation und Auswahl von Kandidaten
    • Koordination mit deutschen Arbeitgebern
    • Unterstützung bei Visum, Dokumentation oder Ausreise

 

Auch bei direkter Rekrutierung aus Indien können zusätzliche Genehmigungen erforderlich sein. Unternehmen sollten hier frühzeitig rechtliche Beratung einholen, um Compliance-Risiken zu vermeiden.

 

Arbeitsrecht in Indien: Wichtige Unterschiede

 

Das indische Arbeitsrecht befindet sich im Wandel und wird schrittweise in vier zentrale „Labour Codes“ überführt:

  • Wages
  • Industrial Relations
  • Social Security
  • Occupational Safety

 

Typische Besonderheiten:

  • Unterscheidung zwischen Arbeitnehmern („workman“) und Führungskräften
  • Kündigungsfristen für White-Collar-Mitarbeitende meist 1 bis 3 Monate
  • Keine klassische Arbeitslosenversicherung
  • Sozialleistungen umfassen u. a. Provident Fund und Gratuity (nach 5 Jahren Betriebszugehörigkeit)

 

Ein wesentliches Merkmal ist die Struktur der Vergütung:

  • Das Gehalt wird häufig als CTC („cost to company“) ausgewiesen
  • Es setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, oft mit steuerlichen Optimierungen

 

Arbeitskultur: Erfolgsfaktor für Integration und Zusammenarbeit

 

Neben rechtlichen Fragen entscheidet vor allem das kulturelle Verständnis über den Erfolg internationaler Teams.

 

Typische Merkmale der indischen Arbeitskultur:

  • Stark hierarchische Strukturen – Titel, Erfahrung und Alter spielen eine wichtige Rolle
  • Entscheidungen erfolgen häufig top-down
  • Führungskräfte werden oft als Mentor oder Vertrauensperson wahrgenommen
  • Kommunikation ist indirekt und kontextbezogen, offenes negatives Feedback eher unüblich
  • Hohe Leistungsbereitschaft und Karriereorientierung
  • Lange Arbeitszeiten und Erreichbarkeit über die reguläre Arbeitszeit hinaus sind verbreitet

 

Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Führung, Kommunikation und Erwartungsmanagement sollten bewusst angepasst werden.

 

Recruiting-Prozess in Indien: Mehrstufig und anspruchsvoll

 

Der Bewerbungsprozess unterscheidet sich deutlich von deutschen Standards:

  • Mehrere Interviewrunden sind üblich
  • Häufig kommen Assessments und Leadership-Interviews zum Einsatz
  • Kandidatinnen und Kandidaten erwarten intensive Gehaltsverhandlungen

 

Neben der Vergütung spielen weitere Faktoren eine wichtige Rolle:

  • Unternehmensmarke (Employer Branding)
  • Position und Titel
  • Karriereperspektiven

 

Unternehmen sollten sich darauf einstellen, im Wettbewerb um Talente ein attraktives Gesamtpaket zu bieten.

 

Fazit: Große Chancen – mit der richtigen Vorbereitung

 

Indien bietet ein enormes Potenzial zur Gewinnung qualifizierter Fachkräfte. Gleichzeitig erfordert der Markteintritt ein fundiertes Verständnis der rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen.

 

Erfolgsentscheidend sind:

  • rechtssichere Recruiting-Strukturen
  • klare Prozesse und Rollenverteilungen
  • interkulturelle Kompetenz im Management
  • ein überzeugendes Arbeitgeberangebot

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